Die Armut hat ihre Freiheit, der Reichtum seine Bürden

Auf den ersten Blick scheint dieser Ausspruch widersprüchlich zu sein. Er stammt vom französischen Philosophen Denis Diderot. Er lebte von 1713 bis 1784.

Denis Diderot wurde in Langres geboren. Er entstammte einer wohlhabenden Handwerkerfamilie und hatte sicherlich keine finanzielle Not erlitten. Er siedelte nach Paris um. Er betätigte sich als Geisteswissenschaftler. In dieser Eigenschaft verkehrte er in den Salons von Paris. Auch in dem von Marie Thérése Rodet Geoffrin. Diese Dame war wohlhabend und für ihre Großzügigkeit bekannt. Gegenüber Diderot zeigte sie sich erkenntlich. Sie ließ dessen bescheidenes Mobiliar durch bessere Stücke ersetzen. Berühmt wurde der scharlachrote Morgenmantel. Dieser sollte das Leben des Philosophen ändern.

Das Geschenk gelangte auch zu Berühmtheit. Es wurde Gegenstand der Konsumforschung. Der amerikanische Konsumforscher Grant Mc Cracken nahm sich dieses Benefits an. Es geht als sogenannter Dideroteffekt in die Forschung ein. Wir schreiben das Jahr 1988. Mit Empfang des scharlachroten Morgenmantels fühlte Diderot, dass der Rest seiner Habseligkeiten mit dem Luxusgegenstand nicht mehr Schritt halten konnte. Und er verspürte den Zwang, dass das, war er selbst angeschafft hatte, durch höherwertige Waren zu ersetzen. An dem was er vor der Schenkung nichts auszusetzen hatte, kam ihm nun schäbig und billig vor. Das Geschenk löste also eine Kettenreaktion des Konsums aus.

Die im 18. Jahrhundert geäußerten Thesen bringen mit prophetischer Weitsicht das Problem des Massenkonsums auf den Punkt. Die Fragestellung ist allgegenwärtig. Jeder ist mit dieser Fragestellung befasst. Wer in eine höhere Gesellschaftsklasse aufsteigt, sieht sich - ob er will oder nicht - gezwungen, seine Lebensumstände anzupassen.

Die Ansprüche an Behausung, Mobilität, Bekleidung und Freizeitgestaltung gleichen sich an. Je höher das Einkommen, desto voluminöser die Ausgaben. Es ist schwer, sich diesem Trend zu entziehen. Der scharlachrote Morgenmantel verführte den Philosophen Käufe zu tätigen, die er ohne die Gabe der Salonniére nicht gemacht hätte. Auch wir unterliegen dieser Versuchung. Diesen psychologischen Kaufzwang nennen moderne Wissenschaftler heute "Diderot-Effekt".

Vor diesem Hintergrund ist die These verständlich, dass der Reichtum Zwänge produziert, die die Armut nicht kennt.

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